Tafel vorlesen lassenVorwort der Herausgeber

titelblattInhalt, Charakter und Herstellungsweise der hier dokumentierten Ausstellung sind entscheidend geprägt von dem Haus, in dem sie 1982 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es ist deshalb nötig, dem Katalog einige Worte über das Friedenszentrum Martin-Niemöller-Haus und die in ihm arbeitenden Menschen voranzustellen.

Seit das ehemalige Pfarrhaus Martin Niemöllers in Berlin-Dahlem nicht mehr als Pfarrhaus geeignet schien, hatten die Kerngemeinde und der Gemeindekirchenrat lange darüber nachgedacht, wie das unter Denkmalschutz stehende Haus in Zukunft sinnvoll genutzt werden könnte. Es sollte eine Einrichtung entstehen, die über die Grenzen der Gemeinde hinaus wirkt, an der sich aber die Glieder der Dahlemer Gemeinde zahlreich beteiligen können.

Die Entscheidung fiel zugunsten eines "Friedenszentrums", in dem verschiedene in der Friedensarbeit tätige Gruppen sich treffen und auch gemeinsame Projekte und Veranstaltungen durchführen können. Wichtig war der Gedanke, einerseits die Arbeit von Friedensgruppen mit dem Gemeindeleben in Verbindung zu bringen und andererseits Gemeindemitglieder an deren Arbeit teilhaben zu lassen. Mitglieder des Friedenszentrums sind heute u.a. Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Dritte-Welt-Laden Berlin, Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, Frauen für den Frieden, Kinderhilfe Hyvong Vietnam, Internationaler Versöhnungsbund, Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner, ev. Kirchengemeinde Dahlem. Amnesty International hat im Martin-Niemöller-Haus sein Berliner Büro, engagierte Dahlemer Gemeindeglieder und andere Interessierte haben sich zu einem Freundeskreis zusammengefunden. Einige von ihnen fühlen sich für das Club-Café verantwortlich, andere beteiligen sich besonders an der Vorbereitung und Durchführung von Gesprächskreisen und Veranstaltungen. Eine Wohngemeinschaft von vier ehemaligen Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste kümmert sich um die Koordination der hier anfallenden Arbeit und versucht damit im Haus eine Atmosphäre zu schaffen, die sich von einem bloßen Tagungshaus unterscheidet. Wie alle in diesem Haus engagierten Menschen tun sie dies neben ihrem Studium bzw. Beruf. Es gehört zum Wesen es Hauses, keine hauptamtlichen "Friedensarbeiter" anzustellen.

Das Haus trägt den Namen Martin Niemöllers, nicht nur weil er hier als Pfarrer der Gemeinde Fahlem gewirkt hat, sondern weil er auch zu denen gehört, die sich als Christen seit der Teilung Deutschlands und Europas in zwei Lager für den durch maßlose Aufrüstung gefährdeten Frieden seit vielen Jahren einsetzen.

Am 16. Januar 1982 konnte das Haus offiziell eröffnet werden und gleichzeitig die Ausstellung über die Geschichte der Gemeinde Dahlem im Nationalsozialismus als erstes Projekt des Martin-Niemöller-Hauses. Im Freundeskreis war die Frage aufgetaucht, ob das, was die Bekennende Kirche in ihrem Widerstehen gegen die Vereinnahmung der Kirche durch den nationalsozialistischen Staat erfahren und gelernt hat, eine Hilfe für unser heutiges Engagement in der Friedensbewegung sein könne. Eine Gruppe aus dem Freundeskreis hat sich die Aufgabe gestellt, dieser Frage anhand der Dahlemer Geschichte nachzugehen. Zu ihr gehörten nicht nur Gemeindeglieder, sondern auch einige, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer beruflichen Situation Zeit fanden, sich intensiv in die Materie einzuarbeiten. Es kam uns darauf an, den Kirchenkampf auf der Ebene einer Gemeinde darzustellen, also aus der für viele kaum zu überschauenden allgemeinen Geschichte wie mit einer Lupe einen kleinen Teil – eben die lokale Geschichte Dahlems – herauszuheben und nachvollziehbar zu machen. Bei diesem Prinzip der Auswahl und Darstellung ist es unvermeidlich, dass Verzerrungen auftreten, Proportionen verschoben werden und auch manches verdeckt und ausgeblendet wird. Doch aufgrund der Fülle von bisher unbekannten Fotos, Dokumenten und Erinnerungen, die uns ältere Gemeindeglieder zur Verfügung gestellt haben und die wir nun zum ersten Mal veröffentlichen können, schien uns dies durchaus verantwortbar.

Bei unseren Bemühungen, in die Geschichte der Gemeinde Einblick zu bekommen, faszinierte uns immer mehr die Tatsache, dass der Kirchenkampf keineswegs nur Sache der Pfarrer war. Vielmehr provozierte der staatliche Druck auf die Kirche, dass Gemeindeglieder Verantwortung für ihre Gemeinde übernehmen mussten. Sie überwanden die ihnen bis dahin in der Kirche zugedachte Rolle des passiven Zuhörens und wuchsen zusammen zu einer tätigen Gemeinschaft. In Dahlem wurde dies besonders deutlich an den Versuchen, Gemeindegliedern und anderen, die als „Nichtarier“ verfolgt wurden, zu helfen. Hier meinen wir, Schritte auf dem Weg zu einer mündigen Gemeinde erkennen zu können.

Fragt man aber, ob das, was die Bekennende Kirche getan hat, Widerstand war, so wird man beachten müssen, dass es andere Gruppen waren, die sich früher und konsequenter gegen den Nationalsozialismus stellten und sehr viel mehr zu leiden hatten. Man denke z.B. an die als erste in die Konzentrationslager der SA und SS verschleppten: Kommunisten und Sozialdemokraten. Auch die Teile der Bekennenden Kirche, die am weitesten gingen, haben zu spät erkannt, dass der Nationalsozialismus eine Erscheinung ist, der gegenüber Christen keineswegs untätig sein dürfen und schon gar nicht einzelne seiner Maßnahmen rechtfertigen können. Doch sagen wir dies aus der Rückschau und nicht mitten in der Verantwortung der Entscheidungen.

Wenn wir heute, fast ein Jahr nach der Eröffnung der Ausstellung, einen Katalog vorlegen, so hat dies vor allem zwei Gründe: Wir wollten vermeiden, das die einmal ausgegrabenen und in einen historischen Zusammenhang gestellten Dokumente nach Abschluss der Ausstellung wieder in Kisten und Archiven verschwinden; und dann haben viele Ausstellungsbesucher den Wunsch geäußert, dass die Ausstellung als Buch erscheinen möge, um die Fülle des Materials in Ruhe studieren zu können.

Der Katalog ist nicht identisch mit der Ausstellung. Manches musste weggelassen werden; auf einige besonders für die Dahlemer Gemeinde wichtige Dokumente sind wir erst durch Hinweise von Ausstellungsbesuchern gestoßen und haben sie zusätzlich in den Katalog aufgenommen. Für die Veröffentlichung wurden die kommentierenden Texte nochmals überarbeitet und durch die Anregungen und Kritik vieler Besucher verbessert. Der Reiz der Ausstellung, ihre Möglichkeit, durch visuelle Mittel das Nebeneinander und Durcheinander des historischen Geschehens augenfällig zu machen, ist dabei sicherlich an manchen Stellen verloren gegangen. Diesem Mangel wird am besten dadurch abgeholfen werden, dass möglichst viele Gemeinden und andere Gruppierungen die Originalausstellung zu sich holen.

Wir möchten mit diesem Katalog auch anderen Gemeinden Mut machen, die Vergegenwärtigung ihrer eigenen Geschichte selbst in die Hand zu nehmen und diese wichtige Aufgabe nicht nur Spezialisten allein zu überlassen. Wir haben erfahren, dass es geht. Ausstellung und Katalog wären nicht zustande gekommen ohne die großzügige Bereitschaft von (ehemaligen) Gemeindegliedern, Fotos und Dokumente aus ihrem privaten Besitz zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus gaben sie uns auch die notwendigen Informationen zum Verständnis der Dahlemer Geschichte. Die Fertigstellung der Ausstellung und des Katalogs erforderte eine große Zahl von Helfern aus der Gemeinde und dem Kreis der Freunde des Martin-Niemöller-Hauses, deren Geduld und Einsatzbereitschaft wir vielleicht manchmal über die Maßen beansprucht haben.

Ihnen allen unseren herzlichsten Dank.

Zu danken haben wir auch der Evangelischen Kirche in Hessen/Nassau und der Martin-Niemöller-Stiftung sowie einer Anzahl privater Spender, die den Druck dieses Katalogs finanziell unterstützt haben.


Berlin, in der Friedenswoche 1982
Die Herausgeber

 

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